Zwei wertvolle Bodenschätze sind einer zu viel

Wertvoller Untergrund: Trinkwasser höchster Güte und sehr gefragter Kalkstein kommen im Warsteiner Raum zusammen – und sorgen damit für reichlich Konfliktpotenzial.

Werner Braukmann, Sprecher der Trinkwasser-Initiative, beschreibt die Entstehung des Konflikts zwischen Wasser und Steinen

In einem Soester Café wurde ich neulich unfreiwillig Zeuge einer Beschimpfung meiner Heimatstadt. „Warstein ist ja wohl das Letzte“, klagte eine junge Neubürgerin lautstark einer Bekannten ihr Leid, „ich bin froh, wenn ich da wieder weg bin! Das fängt schon damit an, dass du ständig die Geräte entkalken musst …!“ Wie bitte?! Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen: Kalkreste als Standortnachteil?! Verkehr oder Staub oder das Ladensterben, das wären Gründe gewesen, die ich noch einigermaßen einleuchtend empfunden hätte. Aber die Ablagerungen unseres Bodenschatzes Nr. 2 zu bemäkeln – als hätten wir keine anderen Sorgen!

Diese kurze Szene führt uns ins Zentrum der derzeitigen Probleme Warsteins und Kallenhardts: Da haben wir den Konflikt zwischen Wasserversorgung und Steinabbau sowie, damit zusammenhängend, den Attraktivitätsverlust der Stadt und die Abwanderungstendenz. Und ich möchte anlässlich des morgigen „Tages des Wassers“ versuchen, einmal den Gesamtzusammenhang erklärend darzustellen, und stelle mir dazu eben diese Neubürgerin vor, die den Kalkablagerungen in Keller und Küche so wenig abgewinnen kann.

Warstein hat neben einem enormen Waldbesitz und einer weltbekannten Biermarke zwei weitere Reichtümer aufzuweisen: Hochwertiges Wasser und einen Kalkstein von seltener Qualität. Dumm nur, dass diese beiden Bodenschätze sozusagen gemeinsam, im Verbund auftreten! Denn das hat einen Konflikt ergeben, der uns seit Jahrzehnten beschäftigt und der in letzter Zeit spektakulär eskaliert ist.

Im Untergrund lagern Millionen Kubikmeter eines sehr gefragten Kalksteins, den „Cemlapis“ beispielsweise nur abbauen möchte, um ihn den in Ennigerloh hergestellten Produkten zur Veredelung beizumischen. Aber der Stein wurde und wird auch oft unter Wert gehandelt, etwa als Schotter. Wie auch immer: Der große Vorrat des „grauen Golds“ im hiesigen Boden macht jedenfalls das heftige Interesse der Steinunternehmen verständlich, weiter in die Tiefe vordringen zu wollen.

Quelle durch Sprengung entstanden

Dem steht allerdings das (bis dato geltende) Verbot des Abbaus unterhalb der Grundwassergrenzen entgegen – aus verständlichen Gründen: Die Steinbrüche operieren im Wasserschutzgebiet. Das Karstmassiv unter uns beherbergt ein Grundwasser von seltener Güte: einen Riesenvorrat reinsten Wassers aus bis zu 500 Metern (!) Tiefe. Wir in Warstein können uns jedenfalls glücklich schätzen, über eine Quelle zu verfügen, die uns mit solchem Qualitätswasser versorgt!

Entstanden ist sie paradoxerweise durch eine Sprengung vor vier Jahrzehnten. Da versiegte die „alte“ Hillenbergquelle, aber erfreulicherweise sprudelte das kostbare Nass dann an anderer Stelle, nicht weit entfernt, aus dem Boden: Die Hillenbergquelle II hatte „das Licht der Welt erblickt“. Die Stadt baute sie aus und bekam die Wasserentnahme von der Bezirksregierung genehmigt. Da die Steinunternehmen jedoch befürchteten, mit ihrem Steinabbau möglicherweise die Quelle (wieder) zu beeinträchtigen und dann in Haftung genommen zu werden, stellten sie Klagen in Aussicht und handelten so einen Vertrag mit der Stadt aus, in dem sie von der Haftung befreit wurden. Sie konnten einigermaßen sorglos weiter arbeiten.

Im Jahr 2013 liefen dann in Warstein Wassergenehmigung und Haftungsbefreiung aus. Die Bezirksregierung verlängerte den Stadtwerken daraufhin die Bezugsgenehmigung und wies Einwendungen der Steinindustrie ab, die daraufhin den Klageweg beschritt – vorerst, das dürfte bekannt sein, mit Erfolg: Die Genehmigung wurde aufgehoben – das ist aber noch nicht wirksam, weil das Urteil noch nicht rechtskräftig ist; Berufung sowie eine neue Genehmigung stehen an.

Vielfältige Belastungen

Das ist das Wesentliche der momentanen Konfliktlage im sowieso extrem angespannten Verhältnis zwischen Steinindustrie und Stadt bzw. Bevölkerung. „Angespannt“ wieso? Nun, der Steinabbau belastet uns in Warstein seit langem, immer stärker und in unterschiedlicher Weise: Wir haben eine Lärmbelastung durch die Betriebe und ihre Brecher, der Steinlastverkehr zieht sich störend durch die Innenstadt, es ergibt sich eine hohe Staubentwicklung und, vor allem, ein gesundheitsgefährdendes Feinstaubaufkommen, mit dem wir oft landesweit zu den höchst belasteten Kommunen gehören, es gibt ständig Sprengerschütterungen und existenzbedrohende Sprengschäden an Wohnhäusern, denen die Abbaugebiete ungewöhnlich nahe gerückt sind, die einstmals schöne Umgebung des früheren Luftkurorts wird zur Unansehnlichkeit zerstört, wir haben einen Attraktivitätsverlust auch der Innenstadt, eben durch den Verkehr, zu beklagen, der dann beiträgt zur negativen demografischen Entwicklung. Und zu alldem kommt jetzt die Gefährdung der Wasserversorgung noch hinzu!

Und da die Steinindustrie der Stadt und der Bevölkerung keinerlei Vorteile bringt (Arbeitsplätze, Gewerbesteuer und Bruchzins fallen kaum ins Gewicht), vielmehr nur Belastungen, die die Stadtentwicklung behindern, wird immer offener der Ausstieg aus dem Steinabbau zum Ausdruck gebracht. Soll man es sich gefallen lassen, dass die Steinunternehmen den Konsens, den die Stadt inzwischen gefunden hat, nämlich den Abbau in der Tiefe nicht zuzulassen, in Frage stellen? Wie belanglos erscheint da das Problem einer verkalkten Kaffeemaschine...

 

Zur Person:

Werner Braukmann engagiert sich seit Jahren für den Schutz des Warsteiner Trinkwassers und der Umwelt. Er ist Vorsitzender der Trinkwasser-Initiative und der Initiative Oberhagen. Außerdem sitzt er für die Warsteiner Liste (WAL) im Rat der Stadt Warstein. Braukmann, Jahrgang 1951, arbeitet als Lehrer am Conrad-von-Soest- Gymnasium in der Kreisstadt.

WP, 21.3.2015

21.03.15



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