Showdown im Steinbruch

Wachsende Mondlandschaft: Die Steinbrüche fressen sich immer dichter an die Stadt Warstein heran. Umweltaktivisten fürchten ums Trinkwasser.

Wasserwerker Alfred Striedelmeyer sorgt sich um die Wassergüte.

Umweltaktivist Werner Braukmann (3. von links) mit Mitstreitern.

Westkalk-Chef Franz-Bernd Köster baut Kalkstein ab.

In Warstein wehren sich die Bürger gegen den sich ausbreitenden Kalksteinabbau, weil sie um ihr Trinkwasser fürchten

Wenn man an Warstein denkt, denkt man natürlich nicht zuerst an Wasser. Warstein kennt man für sein Bier und vielleicht noch für den schönen Wald vor der Tür. Schätze hat die Kleinstadt im Sauerland aber noch mehr zu bieten: Tief im Boden findet man exquisites Trinkwasser. Tief unten findet man aber auch hochwertigen Kalkstein. Und genau hier liegt das Problem: Weil die Steinindustrie sich immer weiter ausbreitet, fürchten viele in der Region, dass man ihnen langsam das Wasser abgräbt. Längst tobt ein Wasserkrieg vor Gericht. Das Ende ist offen.

Werner Braukmann (63) spricht von den „sieben Plagen“, wenn er zum Steinbruch blickt: Lärm zählt er auf, dazu Staub, Lkw-Verkehr, Sprengerschütterungen, Landschaftsfraß, Attraktivitätsschwund – „und die immer größere Gefährung unseres Trinkwassers“.

„Unser Wasser“, das sagt man gern in Warstein, und Umweltaktivist Braukmann sagt das auch. Denn das Wasser, das die Stadt trinkt, kommt aus den Speichern im Gestein unter der Stadt und fließt aus der stadteigenen Quelle „Hillenberg“ ins Rohrnetz. „Hillenberg II“, um genau zu sein. Die alte Quelle „Hillenberg I“ versiegte vor Jahren, als in einem der Steinbrüche, die sich immer näher an die Stadt heranfressen, eine Sprengung missglückte. Glücklicherweise tat sich aber – auch durch diese Sprengung – anderswo ein neues Loch auf, aus dem das Wasser sprudeln konnte. Für Braukmann, Lehrer an einem Soester Gymnasium, ein Zeichen, was so alles schief gehen kann beim Steinabbau. Und ein Grund für ihn, sich grundsätzlich um „unser Wasser“ zu sorgen – was er gemeinsam mit mehr als 100 Mitstreitern in der örtlichen „Initiative Trinkwasser“ tut.

In diesen Tagen, kurz vor dem „Welttag des Wassers“, sind die Aktivisten naturgemäß besonders aktiv. Ihre Sorge beschreibt Braukmann so: „Der Steinabbau nähert sich immer mehr der Grundwassergrenze. Die Gefahr fürs Wasser ist real.“ Eine Einschätzung, die Alfred Striedelmeyer teilt. Der 65-Jährige ist Chef des Wasserwerks Lörmecke, das dem Kreis Soest gehört und rund 100 000 Menschen mit Trinkwasser versorgt. Auch die Lörmecke-Quelle zieht ihr Wasser aus dem Reservoir im Kalkmassiv. In bester Qualität und preiswert, wie Striedelmeyer betont. Auch er sieht mit Sorge, wie sich die Steinbrüche in Warstein, Kallenhardt oder Suttrop ausbreiten.

Striedelmeyer sagt: „Der Streit gärt schon seit Jahren, und er nimmt an Schärfe zu.“ Der Wasserwerkschef sieht einen grundsätzlichen Konflikt: Die Steinindustrie könne sich in der Fläche nicht mehr ausbreiten und grabe sich immer tiefer ins Gestein – „und das wird gefährlich.“ Was sei denn, fragt er, wenn die heimischen Quellen verschmutzt würden oder gar versiegten? „Soll man dann das Wasser von der Ruhr herpumpen? Und wer soll das bezahlen?“ Letztendlich laufe alles auf eine Entscheidung hinaus, „die die Gesellschaft treffen muss“, sagt der Wasserwerker: „Stein oder Wasser“. Ein Showdown im Steinbruch? Franz-Bernd Köster will das so überhaupt nicht sehen. Der 60-Jährige ist als Geschäftsführer von „Westkalk“, ein Zusammenschluss von Warsteiner Steinabbauern, so etwas wie der Gegenspieler von Striedelmeyer – sähe sich aber viel lieber als Mitspieler: „Wir wollen das Miteinander, wie das seit 30 Jahren hier funktioniert hat.“

Allerdings: Nüchtern betrachtet waren es Köster und seine Steinbruch-Kollegen, die im Wasserstreit eine neue Eskalationsstufe gezündet haben. Als die Bezirksregierung Arnsberg dem Warsteiner Wasserwerk für 30 weitere Jahre erlaubte, „Hillenberg“-Wasser zu nutzen, grätschten die Unternehmer dazwischen. Sie legten gegen die neue Genehmigung Veto vorm Arnsberger Verwaltungsgericht ein. „Um unsere Rechte grundsätzlich zu wahren“, sagt Köster. Die Interessen der Steinindustrie seien nicht berücksichtigt worden.

Und auch dem Wasserwerker Striedelmeyer fuhren die Steinbrecher in die Parade. Lörmecke hatte sich die Wasserrechte von der Bezirksregierung vorzeitig verlängern lassen.Der Grund: Das Wasserwerk möchte 5,5 Millionen Euro in eine Filteranlage investieren. „Qualitätssicherung“, wie es Striedelmeyer nennt. In den letzten Jahren sei das Wasser immer mal wieder getrübt gewesen. Viele sagen, schuld sei die Steinindustrie. Bewiesen wurde dies indes nie.

Jedenfalls wollte das Wasserwerk vor seiner großen Investition Planungssicherheit – und bekam diese von der Bezirksregierung. Bis zur Grätsche aus dem Steinbruch. Auch hier beklagt die Industrie, nicht ins Verfahren eingebunden worden zu sein. Allerdings hatte sich keiner der Unternehmer mit einem Einwand gemeldet, als das Verfahren noch lief. Ein Widerspruch? Nicht für Westkalk- Chef Köster: „Da haben wir schlicht den Termin verpasst.“ Grundsätzlich bräuchte aber auch die Steinindustrie Planungssicherheit.

Denn zu holen gäbe es im Warsteiner Gebirge noch reichlich. Köster schätzt das abbaubare Kalkmassiv auf ungefähr 300 Meter mächtig. Bislang kratzt man an der 80-Meter-Marke. In die lukrativen Tiefen vorstoßen aber kann man nur, wenn man ins Wasser gräbt. Technisch möglich sei das, versichert Köster, und zwar ohne das Wasser zu gefährden. Denkbar wäre, das Wasser vorher abzupumpen und aufbereitet den Wasserwerken zur Verfügung zu stellen. Vor einer wie auch immer gearteten Realisierung stünden aber stets gründliche Prüfungen durch die Genehmigungsbehörden. „Und“, so beteuert Köster, „wenn wir dann zu dem Schluss kommen: Das geht nicht oder das ist unrentabel – dann lassen wir da die Finger von.“ Das Trinkwasser werde man nie gefährden, verspricht er: „Hier wird leider mit Angst Politik betrieben.“

Wie auch immer: Das Sagen haben nun erst einmal die Richter. Im Warsteiner Fall haben sie bereits gesprochen und dabei für viele Beobachter überraschend der Bezirksregierung eine Watsche verpasst. Ende des Jahres hob das Arnsberger Verwaltungsgericht den Bewilligungsbescheid für die weitere Nutzung der Quelle „Hillenberg II“ auf. Aus Sicht der Richter waren tatsächlich die Interessen der klagenden Steinindustrie nicht berücksichtigt worden. Überdies fehle auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung.

Mittlerweile hat die Bezirksregierung Berufung beim Oberverwaltungsgericht in Münster beantragt, berichtet Behördensprecher Christian Chmel-Menges. Er rechnet mit einem langwierigen Verfahren, wie auch im zweiten Fall, dem Fall Lörmecke, der noch ganz am Anfang der juristischen Aufarbeitung stehe. Chmel-Menges versichert aber: „Wir tun alles, damit die Trinkwasserversorgung gesichert bleibt.“

Worte, die Umweltaktivist Braukmann gerne hört. Er blickt wie viele in Warstein den Urteilen mit Spannung entgegen – und mit vorsichtigem Optimismus: „Ich glaube nicht“, sagt er, „dass die es am Ende schaffen, uns das Wasser wirklich abzugraben. Sie werden aber ganz sicher alle Register ziehen.“

 

Tag des Wassers

Der Weltwassertag findet seit 1993 jedes Jahr am 22. März statt. Die UN, aber auch nichtstaatliche Organisationen, die für sauberes Wasser und Gewässerschutz kämpfen, machen dann aufmerksam auf die kritische Wasserthemen.

 

 

Holger Drechsel, WA, 21.3.2015

21.03.15



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